Verfasst von: maria.wersig | 11/04/2011

Gleichstellungspolitik in Kristinas Welt (I)

Gender Mainstreaming? Wurde auf Bundesebene faktisch abgeschafft. Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft? Davon redet niemand mehr. Dafür fühlt die Bundesfrauenministerin sich von Altfeministinnen bekämpft, die den „Benachteiligungsstatus der Frau verteidigen“. Stattdessen muss man mehr für Männer tun, möglichst natürlich Sachen, die kaum Geld kosten, wie Boy’s Day und so. Willkommen in Kristinas Welt!

Kristina Schröder, die sich mit frauenpolitischer Kompetenz bisher vor allem durch die Erklärung hervorgetan hat, dass heterosexueller Geschlechtsverkehr keine Unterdrückung der Frau sei, forderte am 10. April 2011 in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den Abschied von der „Verengung der gleichstellungspolitischen Argumentation auf die frauenpolitische Perspektive“. Darin baut sie diese Kompetenz nun weiter aus: Mit einer kruden Mischung aus „altfeministischem“ Feindbild, vagen Versprechungen einer Umverteilung der Sorgearbeit in heterosexuellen Paarbeziehungen und der guten alten Wahlfreiheit.

Sie beklagt, dass männerpolitischen Initiativen und eine Politik, die Männern neue Rollenmodelle eröffnet, vom „Feminismus des vorigen Jahrhunderts“ bekämpft werden. Wenn wir aber Männerpolitik machen und nicht immer dieses Gegeneinander der Geschlechter fördern, so Schröder, gehe es auch den Frauen besser.

Mit keinem Wort erwähnt Kristina Schröder den Sachverständigenbericht für den 1. Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, welcher ihrem Ministerium Anfang des Jahres übergeben wurde.  Sie bezieht die Erkenntnisse und Vorschläge der Sachverständigenkommission auch nicht in ihre Analyse und Forderungen ein. Das ist konsequent, schließlich ließ sie den Bericht auch von ihrem Staatssekretär entgegennehmen, wie meine Freundin Frau Linkerhand kommentiert.

Familienpolitik statt Gleichstellungspolitik

Stattdessen baut sie das von ihr bereits bekannte Feindbild der „Altfeministinnen“, welche „vor allem den Benachteiligungsstatus der Frau verteidigen wollen“, weiter aus. Kristina Schröder zieht die von ihr kritisierte Argumentation „Frauen vs. Männer“ knallhart durch. Sie ist aber auch die Einzige, die dies tut. Niemand wäre wohl gegen einen Boy’s Day und ein Modellprojekt für Männer in Frauenberufen, ganz zu schweigen von emanzipatorischer Männerpolitik, die diesen Namen wirklich verdient, wenn dies Akzente einer umfassenden Gleichstellungspolitik wären. Sind es aber nicht.

Man könnte auch sagen, Kristina Schröder hat kein gleichstellungspolitisches Konzept, aber das wäre falsch. Denn sie hat ziemlich klare Vorstellungen zum Thema Geschlechterverhältnisse und die prägen auch ihre Politik. Sorgearbeit ist Privatsache von Individuen in heterosexuellen Paarbeziehungen, die über ihre Geschlechterrolle und ihre Arbeitsteilung frei entscheiden und dann lediglich etwas Hilfe brauchen, damit sie im Arbeitsleben nicht diskriminiert werden. Diese Hilfe soll vor allem aus dem Recht auf kurze Auszeiten bestehen und aus einem politischen Appell an den Wandel von Organisationskulturen. Ansonsten – und das ist frauenpolitisch ganz wichtig – soll möglichst alles so bleiben, wie es ist.

Kristina Schröder findet es zwar „inakzeptabel“, dass Männer Unternehmensvorstände und Aufsichtsräte dominieren. Aber dagegen etwas rechtsverbindlich unternehmen? So weit will sie dann doch nicht gehen. Auch sonst lassen Gesetzesinitiativen, die die Gleichstellung von Frauen fördern wollen, auf sich warten. Natürlich geht es auch in keinem Satz um Entgeltdiskriminierung, prekäre Arbeitsbedingungen und die Gründe, warum Erzieherinnen so wenig Geld verdienen und es so wenige Erzieher gibt. Benachteiligung von Frauen findet nur in Führungspositionen statt, dafür vermiesen Pädagoginnen deutschlandweit Jungens den Kita- und Schulalltag.

Die Unterrepräsentanz von Frauen in den Vorstandsetagen (andere Formen und Orte der Benachteiligung hatten wir bereits erfolgreich ausgeblendet) hat nach Schröders Logik ausschließlich mit der Verteilung der Sorgearbeit zu tun. Wenn das besser läuft und auch die Männer mal „vorübergehend beruflich kürzertreten“ sei „der Weg frei für Gleichberechtigung in Familien und Partnerschaften und damit für die beruflichen Chancen von Frauen“. Deshalb seien Partnermonate gut und auch Pflegezeit eigentlich ein Projekt für Männer, weil sie sich an Vollzeitarbeitnehmer richtet und Frauen in dem Alter ja überwiegend Teilzeit arbeiten. So bringt denn wohl auch der Boy’s Day mehr für die Repräsentanz von Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft, für ihre Teilhabe an Geld, Macht und Zeit als konkrete Gesetzesinitiativen?

Sorgearbeit wird, so suggeriert Schröders Text, überwiegend von Frauen in heterosexuellen Paarbeziehungen verrichtet, die ihren Männern den Rücken freihalten und so selbst keine Zeit mehr haben für die 80-Stunden-Woche. Ein kurzer Blick in die Lebensrealitäten von Alleinerziehenden hätte genügt, um festzustellen, dass dies eine äußerst verengte Sicht der Dinge ist, von weiteren Familienformen mal ganz zu schweigen. Soviel also zum Familienbild.

Wahlfreiheit 2.0

Darüber hinaus komme es nicht darauf an, „alte Rollenmuster durch neue Rollenmuster zu ersetzen“. Wer jetzt auf den Begriff der Wahlfreiheit wartet (über Genese und politische Bedeutung dieses Begriffs in der CDU und anderen Parteien werde ich hier wohl zu späterem Zeitpunkt mal einen Beitrag schreiben), wird enttäuscht, denn es geht nun um: „Gestaltungsfreiheit [von Frauen und Männern] über ihren eigenen Lebensentwurf“. Wie diese erreicht werden kann (außer durch die genannten Beispiele der Männerpolitik des BMFSFJ) und ob es eventuell nicht doch notwendig wäre, tradierte Leitbilder zurückzufahren, um neue Modelle zu ermöglichen – dazu empfiehlt sich die Lektüre des Teiles „Rollenbilder und Recht“ (S. 34 bis 64) des Sachverständigenberichts für den Gleichstellungsbericht der Bundesregierung.

Warum das nicht lustig ist

Warum ich nicht über diesen Beitrag lache, sondern mich ziemlich geärgert habe, obwohl ich (noch) nicht zur Generation der Altfeministinnen zähle, die herhalten müssen als Rechtfertigung für politisches Nichtstun und Projektionsflächen für Stammtischängste und die sich sicherlich Schöneres vorstellen können, als mal wieder wie die (lila) Sau durchs Dorf getrieben zu werden? Zunächst mal natürlich aus Solidarität und weil ich den Feminismus als eine der erfolgreichsten und wichtigsten sozialen Bewegungen des letzten Jahrhunderts ansehe, der Frauen wie Kristina Schröder und ich viel verdanken. Aber mal zur Sache: Die Vertreterin der Bundesregierung für Frauenpolitik stellt sich hin und bezeichnet Feministinnen und gleichstellungspolitisch engagierte Menschen als Verteidiger des Benachteiligungsstatus der Frau? Wer ihre Politik kritisiert, bläst in Wahrheit zum Geschlechterkampf? Wenn du nicht mit mir bist, dann bist du gegen mich, sagt Kristina Schröder und bemüht ausführlich das Konstrukt männerfeindlicher Feministinnen als Ursache aller Probleme. Danke, da könnte man das „Frauen“ im Ministeriumsnamen auch gern ganz streichen.

Wie sollen wir also leben in Kristinas Welt

Klar, verheiratet und mit Kindern. Papa macht auch mal Wickelvolontariat und wechselt an der Autobahnraststätte die Windeln. Dann ändern sich auch Organisationskulturen und Menschen mit Sorgearbeitsverpflichtungen werden nicht mehr diskriminiert. Dann schließt sich auch der pay gap und was an Diskriminierung dann noch übrig bleibt, beruht auf Wahl- pardon Gestaltungsfreiheit. Rechtliche Instrumente fördern weiter die Hausfrauenehe, aber Paare mit hohen Einkommen kriegen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schon hin, mit Elterngeld und Pflegezeit. Der Boy’s Day trägt dazu bei, dass Männer den Marsch durch die Institutionen antreten. Wenn das so gut läuft, wie bei dem Frauenanteil bei Professuren, dürfte es ja nur noch ca. 100 Jahre dauern, bis der Männeranteil in Kitas um die 15 Prozent beträgt. Mehr Partnermonate beim Elterngeld gibt es aber nicht. Und „Hartz IV“-Empfänger brauchen kein Elterngeld.

Väterschutz statt Wickelvolontariat

Sonstige Lehren aus dem Artikel für die Praxis der Gleichstellungspolitik? Alles ist Männerpolitik. Wer mit Lobbyarbeit in Kristinas Welt noch irgendetwas erreichen will, darf keine Forderungen mehr mit Frauenförderung, gleichstellungspolitischen Erwägungen oder dem Abbau von Diskriminierungen (von Frauen) begründen. Deshalb mein Vorschlag: Statt weiteren Partnermonaten beim Elterngeld sollte das BMFSFJ einen Gesetzentwurf zur Beendigung der Diskriminierung der Väter im Mutterschutzgesetz vorlegen und die darin enthaltenen Beschäftigungsverbote auf Väter ausdehnen. Das zahlt dann ja auch nicht der Bundeshaushalt.


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