Verfasst von: maria.wersig | 03/05/2011

Männerangst vor Frauenquoten

Ein derzeit vielbeachteter Artikel in Wirtschaftswoche und Die Zeit schürt Männerangst vor Frauenquoten in der Privatwirtschaft. Immerhin: Das Thema wird mal wieder diskutiert. Schade: Das Niveau des Beitrages hielt sich in Grenzen.

Aktion Aktionärinnen fordern Gleichberechtigung
Seit längerem regt sich Kritik an der Männerdominanz in Führungsetagen der Privatwirtschaft. Es gibt eine Initiative des Deutschen Juristinnenbundes, gefördert übrigens durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, im Rahmen derer Aktionärinnen (oder Frauen im Auftrag der Aktionärinnen) auf Hauptversammlungen fragen, was das Unternehmen eigentlich für die Gleichstellung tut bzw. getan hat. Man kann den Bericht dieser Aktion hier lesen – dort findet sich viel Interessantes, aber kaum etwas, was Panik vor gläsernen Decken für die männlichen Führungskräfte auslösen müsste. Häufig beläuft sich nämlich die Antwort der Unternehmen auf ein „wir geben uns Mühe“. Alle BWL-Studenten, die nach der Lektüre von Wirtschaftswoche und Zeit um ihre künftigen Privilegien fürchten, können sich wohl relativ entspannt zurücklehnen. Dies gilt umso mehr, weil Kristina Schröder die softeste Variante des Umgangs mit dem Thema gewählt hat.

Bundestagspetition für Frauenquote in Aufsichtsräten

Es gibt eine von Frauenverbänden initiierte Petition im Bundestag, in der eine gesetzliche Quote für Aufsichtsräte gefordert wird. Die Zahl der MitzeichnerInnen ist noch nicht besonders üppig (4505 am 3.5.2011), die Mitzeichnungsfrist endet am 24. Mai 2011. Wer aber mal die ganzen Stammtischargumente gegen Quoten lesen will, sollte sich die Diskussion zur Petition auf der Bundestagswebsite anschauen (das reicht von „Verstoß gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz“ über „Frauen wollen nicht“ bis hin zu „Frauen können nicht“). Ich persönlich habe diese Petition übrigens nicht unterschrieben, weil ich nicht will, dass Gleichstellung in der Privatwirtschaft auf Aufsichtsräte beschränkt bleibt. Das wäre meiner Meinung nach ein Elitenthema, Gleichstellung geht aber alle an. Ja, ich hänge noch dem unter der Federführung von Prof. Dr. Heide Pfarr entwickelten Entwurf für ein Gleichstellungsgesetz in der Privatwirtschaft nach, den noch Gerhard Schröder 2001 beerdigt hat. Darin waren mit stufenweiser Verbindlichkeit eine ganze Reihe von Feldern genannt, auf denen Unternehmen Gleichstellung fördern sollten. Anstelle dieses Entwurfs bekamen wir damals die freiwillige Vereinbarung mit der Privatwirtschaft, die nun seit vielen Jahren immer wieder evaluiert wird, ohne dass sich viel bewegt hätte. Wer jetzt zur Petition der Frauenverbände sagt, irgendwo muss man doch ansetzen, rennt bei mir offene Türen ein. Ich finde aber eben nicht, dass Postenbeschaffung in Aufsichtsräten auf die Nr. 1 der gleichstellungspolitischen Agenda gehört. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass politische Aufmerksamkeit für Gleichstellungsthemen sehr gering ist und man einen sehr langen Atem braucht, bis einmal ein kleiner Erfolg gefeiert werden kann.

Was das Europarecht zu Quoten sagt

Aber zurück zur Angst vor der Frauenquote in der Zeit! Was mich an dem Artikel erstaunt hat: Der Bezug auf Erfahrungen mit Frauenquoten im öffentlichen Dienst fehlt völlig. Wie kann das sein? Immerhin gibt es jahrzehntelange Erfahrungen mit diesem Instrument in den Gleichstellungsgesetzen des Bundes und der Länder (also in Dienststellen, Universitäten ect). Nachdem der Europäische Gerichtshof 1995 in seiner berühmten „Kalanke“-Entscheidung eine Bremer Quote für europarechtswidrig erklärt hatte, weil dort der gleichqualifizierten Bewerberin in Bereichen mit Männerüberrepräsentanz den automatischen Vorrang eingeräumt wurde, sind nach der EuGH-Rechtsprechung nun die sogenannten „qualifikationsabhängigen Entscheidungsquoten“ zulässig. Das bedeutet, dass nicht automatisch die gleichqualifizierte Frau Vorrang erhält, sondern in einem weiteren Prüfungsschritt muss geschaut werden, ob soziale Gründe in der Person des Mitbewerbers eine andere Entscheidung notwendig machen. Dieser Prüfungsschritt bietet natürlich in sich selbst einige Tücken, zum Beispiel die Frage, ob man das Merkmal „Alleinernährer“ positiv für den Mann in die Waagschale werfen kann oder ob das auch wiederum Tür und Tor für Geschlechterdiskriminierung öffnet.

Die Debatte, ob eine Quote legitim ist oder sein kann, um bestehende Ungleichheiten zu überwinden und wie sich das mit den individuellen Rechten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zusammendenken lässt, will ich nicht weiter kommentieren. Ich will lieber den Europäischen Gerichtshof zitieren, welcher die Rechtfertigung von Quoten so begründete: „Es zeigt sich jedoch, …, dass selbst bei gleicher Qualifikation die Tendenz besteht, männliche Bewerber vorrangig vor weiblichen zu befördern; dies hängt vor allem mit einer Reihe von Vorurteilen und stereotypen Vorstellungen über die Rolle und Fähigkeiten der Frau im Erwerbsleben und z.B. mit der Befürchtung zusammen, dass Frauen ihre Laufbahn häufiger unterbrechen, dass sie ihre Arbeitszeit aufgrund häuslicher und familiärer Aufgaben weniger flexibel gestalten, oder dass sie durch Schwangerschaften, Geburten und Stillzeiten häufiger ausfallen.“ (EuGH 11.11.1997, Rechtssache Marschall). Heute würde man dies vielleicht etwas anders formulieren, aber das Problem hat sich seitdem wohl kaum wesentlich verändert.

Quoten in der Politik

Es greift meiner Meinung nach überhaupt völlig zu kurz, darüber zu streiten, ob die Gleichberechtigung erst dann erreicht ist, wenn die Anzahl unfähiger Personen auf allen Ebenen geschlechterquotiert ist, ob ein besser qualifizierter Mann durch eine Quote benachteiligt wird oder wie sich „Quotenfrauen“ fühlen. Aus meiner Sicht geht es bei dem Thema schlicht um Repräsentation. Männerdominanz ist also ein Problem für eine Demokratie. Für Betriebsratswahlen gibt es schon eine gesetzlich festgelegte Frauenquote. Warum nicht auch für andere Bereiche in der Privatwirtschaft? Ich sehe also Quoten in Unternehmen ganz ähnlich wie Quoten in der Politik.  Es gibt jede Menge informelle Quoten in der Politik, die nicht immer nur etwas mit dem Geschlecht zu tun haben. Ein Beispiel: In der Linkspartei gibt es zwei Vorsitzende, (neuerdings) nach Geschlecht quotiert und nach Herkunft Ost/West. Kristina Schröder ist vor allem auch Bundesfrauenministerin, weil sie aus Hessen kommt. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Zu diesen Quoten taucht auch nie die Frage auf, warum sie gebraucht werden und ob Leute aus dem Osten die besseren Kapitalismuskritiker oder Leute aus Hessen die besseren Frauenminister sind. Blöder Vergleich? Vielleicht.


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Responses

  1. […] aus der ZEIT/Wirtschaftswoche der vergangenen Woche beschäftigen sich das Genderblog ebenso wie rechtundgeschlecht. Und bei Frau Lila lesen wir einen Gastbeitrag zweier grüner Männer zur […]


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