Verfasst von: maria.wersig | 08/05/2011

Latte-Macchiato-Mütter und die Unterhaltsrechtsreform

Nach der Unterhaltsrechtsreform bekommen viele geschiedene Frauen niedrigeren oder zeitlich nur noch befristeten Unterhalt, auch wenn sie jahrzehntelang Kinderbetreuung und Hausarbeit statt Erwerbstätigkeit geleistet haben und es auf dem Arbeitsmarkt entsprechend schwer haben. Eine Arbeitsgemeinschaft auf dem 37. Feministischen Juristinnentag zum Thema „Lebensplanung von Frauen nach der Unterhaltsrechtsreform“ diskutierte diese Fälle und warf die Frage auf, was jungen Frauen heute zu raten sei, die sich für Kinder entscheiden und zuhause bleiben wollen.

Diese Frage, welche in der AG kontrovers diskutiert wurde, finde ich interessant, aber auch schwer zu beantworten. Von älteren Kolleginnen in der AG wurde der Eindruck geschildert, dass junge Frauen heute relativ blauäugig bereit sind, die Betreuungsarbeit nach der Familiengründung zu übernehmen und sich keine Gedanken darüber machen, ob und was für Ansprüche sie (generell oder im Fall der Trennung) gegen den Kindsvater haben. Der Begriff Latte-Macchiato-Mütter fiel mehrmals. Der Fall einer jungen Mutter wurde geschildert, die „glücklich ihren Kinderwagen herumschiebt“, nicht arbeitet und sich allem Anschein nach auch keine Gedanken darüber macht, wie zerbrechlich die bürgerliche Kleinfamilie mit traditioneller Rollenverteilung heute ist. Da die Frau nicht verheiratet war, hätte sie nach dem 3. Geburtstag des Kindes keinen Anspruch mehr auf Unterhalt (abgesehen vom Unterhalt für das Kind).

Die Situationsbeschreibung sorgloser Latte-Macchiato-Mütter, die sich emanzipiert fühlen und ohne großes Nachdenken in traditionelle Rollen begeben, passt mir so nicht. Einerseits kenne ich keine einzige Frau, die das so gemacht hat. (Was natürlich nicht gleichbedeutend damit ist, dass es diese Frauen nicht gibt.) Andererseits erinnert mich das an Bascha Mikas Buch „Die Feigheit der Frauen“, welches ja auch individuelle Entscheidungen für gesellschaftliche Probleme verantwortlich macht. Das entspricht natürlich ganz der neoliberalen Logik, den Blick auf individuelles „Versagen“ zu richten und diskriminierende Strukturen aus dem Blick zu nehmen.

Schauen wir uns also die Strukturen einmal an. Immer mehr Frauen wollen mit Partnerin oder Partner leben, Kinder kriegen, arbeiten und auch mal nicht arbeiten – und wollen nicht heiraten (oder eine Lebenspartnerschaft eingehen). Was hat das Recht diesen Lebensmodellen zu bieten? Sehr wenig! Nach wie vor ist das Rechtspaket der Ehe vorgesehen, um eine wirtschaftliche Gemeinschaft mit gegenseitigen Solidaritätspflichten zu begründen (mit Vorteilen für das Alleinernährermodell im Steuer- und Sozialrecht bis hin zum Versorgungsausgleich und Unterhalt nach der Trennung/Scheidung). Wer von diesem Normalmodell abweicht, hat rechtlich gesehen ein Problem und muss selbst Vereinbarungen treffen. Auf der anderen Seite ist der Versorgungsgedanke durch die Ehe immer mehr ein trügerisches Versprechen (und natürlich völlig anti-emanzipatorisch). Das neue Unterhaltsrecht bestraft sogar die Hausfrauen, die 20 Jahre die Familienarbeit geleistet hatten. Die Frau, die sich heute für dieses Modell entscheidet, muss hoffen, dass der Ernährer unterhaltsrechtlich leistungsfähig bleibt und einen Ehevertrag schließen. Kein Versorgungsversprechen mehr qua Ehe – das kommt jungen Frauen meiner Meinung nach aber sogar entgegen, deren Selbstverständnis es ohnehin widerspricht, sich von einem Mann ernähren zu lassen, weil sie nämlich unabhängig sein wollen. Als Feministin würde ich auch nie eine Frau, die einen Kinderwagen schiebt, fragen, ob sie denn wenigstens geheiratet hat.

Auf dem Feministischen Juristinnentag haben beruflich sehr erfolgreiche Kolleginnen mit Familie häufig davon berichtet, wie sie bestimmte Zuständigkeiten in der Partnerschaft immer neu verhandeln mussten (da war sicher die juristische Ausbildung hilfreich). Für ein partnerschaftliches Modell der Elternverantwortlichkeit bestehen aber nicht nur Hürden in den Köpfen. Auch das Recht geht von der Hauptverantwortlichkeit eines Elternteiles für die Kinderbetreuung aus. Wer sich die Betreuung der Kinder teilt, wird immer noch benachteiligt. Das blödeste, was man zum Beispiel wirtschaftlich gesehen machen kann, ist die gleichzeitige Teilzeitarbeit mit Elterngeldbezug. Dann endet der Elterngeldanspruch nach 7 Monaten und nach der Hälfte des Geldes, welches bei Vollzeit-Ausstieg beider Eltern nacheinander gezahlt worden wäre. Wenn man womöglich gar nicht zusammenlebt, aber gemeinsam ein Kind versorgt, stellt man fest, dass noch nicht einmal das Kindergeld hälftig an beide Eltern ausgezahlt werden kann. Außerdem ist festzustellen: Einstellungen und Verhalten klaffen bei kaum einer Sache so weit auseinander, wie bei der Familiengründung. Sogar im 7. Familienbericht der Bundesregierung stand, dass viele Eltern sich nach der Geburt eines Kindes in einer Lebenssituation wiederfinden, die sie so nicht gewollt haben und sich so nicht vorgestellt hatten. Das gilt gerade für Geschlechterrollenfallen, die in dieser Situation plötzlich zuschnappen können. Hier spielt meines Erachtens auch das Recht eine wichtige Rolle.

Die Ausgangsfrage, was jungen Frauen bei der Familiengründung, die sich über längere Zeit beruflich einschränken und die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung übernehmen wollen, rechtlich zu raten sei, ist also ganz klar: Macht einen Plan, lass dich anwaltlich beraten und schließt dann einen Vertrag. Das meinten übrigens die älteren Kolleginnen beim Feministischen Juristinnentag auch. Die Sache mit dem Vertrag hat aber auch ein paar Haken, die aber auch schon für die Generation vor uns galten: 1. Der Unterhalt(ung)swert des Ernährers kann sich abrupt ändern, das Ganze ist also keine sichere Sache. 2. Die langfristigen Folgekosten von Karriereverzichten müssten mitbedacht werden (Altersvorsorge, Gehaltsentwicklung), können aber eventuell gar nicht vollständig privat ausgeglichen werden (Stichwort Unterhalt(ung)swert). 3. Verträge gelten als unromantisch. Politisch finde ich nicht, dass das Problem der Absicherung der Sorgearbeit privat gelöst werden kann. Die Hausfrauenehe ist also irgendwie doch kein Zukunftsmodell.


Flattr this

Advertisements

Responses

  1. ein schönes Mittel, die Frauen in einer ungewollten Ehe zu halten. Da erwiesenermaßen häufiger Frauen eine Trennung/Scheidung anstreben. Die Mär der faulen Mutter, die auf Kosten des Ex-Manns lebt – oder im Fall seiner Entziehung – durch den Staat ‚ausgehalten‘ wird, ist ähnlich propagandistisch, wie die vom faulen Langzeitarbeitslosen. Pfui.

  2. Die Frage sozusagen nach einer realistischen Wahlmöglichkeit für (phasenweise) Lebensmodelle jenseits Erwerbsarbeit (insbesondere Kinder und Haushalt) zu entscheiden, habe ich mir auch öfter gestellt, ohne zu einem guten Schluss zu kommen. Ich erlebe Freundinnnen, die nicht heiraten, Kind bekommen und dann wenn überhaupt Teilzeit arbeiten – und – das genießen. Tja und ich kann das verstehen! Gleichzeitig habe ich die ganzen Statistiken im Hinterkopf und denke: auweia.
    Jedenfalls sollte es ohne individuell zu tragende Risiken in der Existenzsicherung möglich sein, sich einvernehmlich mit PartnerIn für eine wir auch immer geartete Arbeitsteilung zu entscheiden.
    Mir fällt dazu immer wieder nur ein, dass wir das adult-worker-model als Leitbild brauchen bzw. das Leitbild eines stets selbst existenzgesicherten Erwachsenen. Plus eine Kindergrundsicherung? Oder aber eine 30-35 Stunden Woche für alle. Wenn beide mehr Möglichkeiten zur Beteiligung bei Kindern und Haushalt haben, vielleicht ist es dann gar nicht mehr so attraktiv sich allein oder mehr um beides zu kümmern, da die Alternative dann nicht mehr so anstrengend ist?

    Hinzu kommt: es sollte kein Horrorszenario sein, infolge einer Trennung von dem/der PartnerIn auf sich selbst gestellt zu sein. Ist es aber derzeit, denken wir nur an die Höhe der Regelsätze für Erwachsene und Kinder im SGB II…Vielleicht müssen wir auch mehr über das Grundeinkommen nachdenken..bin mir dabei aber auch nicht ganz sicher.

    Damit will ich nicht sagen, dass die/der AlleinernährerIn keine Verantwortung für eine gemeinsam getragene Arbeitsteilung auch nach der Partnerschaft übernehmen soll. Aber könnte das nicht ganz anders laufen, irgendwie über eine ganz andere Besteuerung statt Unterhaltsverpflichtungen?


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: