Verfasst von: maria.wersig | 16/04/2012

It’s the Individuum, stupid! Politik ohne Leitbild – Kristina Schröders neues Buch

Kristina Schröder und Caroline Waldeck haben ein Buch geschrieben (Danke, emanzipiert sind wir selber: Abschied vom Diktat der Rollenbilder). Darin wird „den Feministinnen“ und „den Konservativen“ mitgeteilt, dass der ideologische Kampf um ein gutes Leben (gemeint sind vor allem Frauenleben, obwohl Männer durchaus auch Erwähnung finden) beendet gehört, weil junge Frauen selbst wissen, was sie wollen. Weil ich mich mit Rollenleitbildern im Recht beschäftige, interessierte mich vor allem die Frage, wie eine leitbildlose Familienpolitik funktionieren kann. Leider sagen die Autorinnen dazu nicht viel, weil sie als Leitbild die Freiheit privater Lebensentscheidungen in den Mittelpunkt rücken.

„Der Feminismus“?
„Der Feminismus“ wird, wie Heide Oestreich heute in der taz dargestellt hat, von Schröder und Waldeck als Feindbild beschworen. Was einmal notwendig und wichtig war, um Frauen aus der rechtlich fixierten Unterordnung und Benachteiligung zu befreien, sei heute selbst Bevormundung, weil „die Feministinnen“ Frauen vorschreiben, wie sie zu leben haben. „Den Feminismus“, so die Autorinnen, könne man so zusammenfassend über einen Kamm scheren, denn der „weltanschauliche Feminismus“, wie ihn zum Beispiel Alice Schwarzer vetrete, unterscheide sich aufgrund seines dogmatischen Charakters von anderen Feminismen, denen diese weltanschauliche Komponente fehle, sie seien nur eine „Fußnote“ im Diskurs (Position 312 von 3374 in der Kindl-Version des Buchs). Diese Begründung der zusammenfassenden Vereinfachung der Auseinandersetzung mit feministischen Positionen mit der Weltanschauungskomponente ist letztlich ein Zirkelschluss – was dogmatisch ins Feindbild passt, wird als „weltbild-feministisch“ angesehen, alles andere nicht und muss dann auch nicht berücksichtigt werden. Freiheitsfeindlichkeit stellt nach der Auffassung beider Autorinnen quasi ein Markenzeichen des heutigen Feminismus dar.

It’s the Individuum, stupid!
Welche Aspekte prägen individuelle Entscheidungen, zum Beispiel für die Priorität Beruf vor Familie, Familie vor Beruf oder Vereinbarkeit von Beruf und Ministeramt? Warum arbeiten viele Mütter in Deutschland weniger Stunden, als sie es eigentlich gern tun würden und warum hätten viele Väter gern mehr Zeit für ihre Familie? Schwierige Fragen – welche Schröder und Waldeck ganz einfach beantworten: It’s the Individuum, stupid! An die Stelle des traditionellen Rollenleitbildes (Familienernährer und Hausfrau) seien unterschiedliche Leitbilder getreten. Es gehe nun um Wahlfreiheit und Akzeptanz von individuellen Entscheidungen. Einfluss auf private Präferenzen hätten zwar auch politische Rahmenbedingungen (wie das Ehegattensplitting), aber diese Faktoren könnten unterschiedliche Entscheidungen nicht vollständig erklären. Im „feministischen Gesellschaftsbild“ seien Ungleichheiten „keine Folge individueller Präferenzen und Entscheidungen, die respektiert werden müssen, sondern Auswüchse gesellschaftlicher Unterdrückung, die eliminiert werden müssen“ (1972 von 3374). Wenn diese Unterschiede komplett zum Produkt freier Entscheidungen deklariert werden, besteht auch politisch wenig(er) Handlungsbedarf. Solchen erwähnen die Autorinnen dann auch kaum, nach der Lektüre dieses Buches könnte man meinen, im Politikfeld der Familienpolitik sei für die Legislative kaum noch etwas zu tun, außer eben Akzeptanz von Wahlfreiheit zu befördern.

Wahlfreiheit für Reiche
Katrin Rönicke schrieb heute im Freitag über Kristina Schröder „Emanzipazion ist wie Kaviar“ – man muss sie sich also leisten können. Das gilt auch für die Wahlfreiheit, wenn man damit die Wahl zwischen Erwerbsarbeit und Sorgearbeit meint. Nicht nur die regelmäßigen Leser_innen meines Blogs wissen – die Hausfrauenehe muss man sich leisten können. Das wissen auch Schröder und Waldeck:

„All diejenigen, die gegen das Zurückstecken von Frauen für die Familie agitieren, beziehen nicht mit ein, dass Entscheidungen innerhalb von Partnerschaft und Familie – glücklicherweise! – immer noch mit dem Herzen und nicht allein mit dem Rechenschieber getroffen werden, wenn die finanzielle Situation der Familie es zulässt.“ (1496 von 3374)

Die Wahlfreiheit sei deshalb natürlich beschränkt durch die Möglichkeiten, die dem Individuum zur Verfügung stehen. Will heißen: Die Alleinerziehende, die sich gern als Hausfrau und Mutter verwirklichen möchte, könne diesen Wunsch nur selten in die Tat umsetzen. „Es kann also nur darum gehen, unter den grundsätzlich möglichen Optionen die beste zu wählen.“ (2566 von 3374). Freiheit bedeute aber eben auch, die Folgen der eigenen Entscheidung abzuwägen und auch die Folgen für die Altersvorsorge oder das Scheitern der Beziehung mit in Betracht zu ziehen – „Auf eine Vollkaskoversorgung kann sich niemand mehr verlassen“ (2540 von 3374). Freiheit hat also auch bei Kristina Schröder Rahmenbedingungen – ökonomische.

Politik ohne Leitbilder?
Geht Politik ohne Leitbilder, wenn es um Gleichstellung und Familie geht? Ich meine nein, denn auch die von Schröder und Waldeck postulierte Wahlfreiheit ist ja letztlich ein solches Leitbild, wenn man die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Lebensentwürfe zum Maßstab von Politik macht. Was auf der zwischenmenschlichen Ebene zum guten Ton gehört, individuelle Entscheidungen nicht an ideologische Pranger zu stellen, ist aber zu wenig, um als Richtlinie für Politik zu taugen. Unter den gegebenen Umständen ist manche Wahl eben freier als eine andere. Eine Politik ohne Leitbilder, welche individuellen Entscheidungen einen wichtigen Stellenwert einräumt, müsste zunächst die Rahmenbedingungen für freie Entscheidungen bereitstellen. Dazu schweigt Kristina Schröder leider, auch wenn das Fazit des Buches mehr Zeitsouveränität für Frauen und Männer fordert. Solange bestimmte Wahlmöglichkeiten mit höheren Risiken versehen sind (längerfristiger Verzicht auf Einkommen – die Gefahr der Abhängigkeit von Partner oder Sozialleistungen und der Altersarmut), sollten Politikerinnen wie Kristina Schröder den Schutzgedanken nicht als gouvernantenhaft abtun.

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Responses

  1. […] und Geschlecht: It’s the Individuum, stupid! “Weil ich mich mit Rollenleitbildern im Recht beschäftige, interessierte mich vor allem die […]

  2. […] Kotztüte Kristina Schröder hat ein Buch geschrieben, wie wir leider zur Kenntnis nehmen mussten. Recht und Geschlecht hat es gelesen, rezensiert und Pressestimmen eingefangen. […]


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